Manchmal ist nicht entscheidend, was auf der Verpackung steht, sondern ob wir wissen, wonach wir eigentlich suchen.
Was wollen Ernährungsberater, Coaches und Gesundheitsnewsletter denn jetzt schon wieder von uns?
Anscheinend reicht es nicht mehr, sich gesund zu ernähren. Jetzt sollen wir auch noch Lebensmitteletiketten lesen.
Alle?
Ernsthaft?
Ich muss etwas gestehen: Beim Lesen von Lebensmitteletiketten habe ich tatsächlich zum ersten Mal bemerkt, dass meine Sehkraft nachlässt.
Wer kommt eigentlich auf die Idee, so viele Informationen in derart winziger Schrift auf eine Verpackung zu drucken? Und manchmal auch noch in zwei Sprachen, auf einer Packung, die kaum Platz für eine bietet?
Natürlich finde ich es gut, dass die Informationen da sind. Wir sollten wissen, was in unseren Lebensmitteln steckt. Zutaten, Nährwerte, Allergene. Transparenz ist wichtig.
Aber da stehe ich im Supermarkt, halte die Packung immer weiter von mir weg, suche besseres Licht und rede mir ein, dass die Schrift auf Verpackungen in letzter Zeit bestimmt kleiner geworden ist.
Das war schon eine interessante Erfahrung.
Irgendwann musste ich akzeptieren, dass das Problem vielleicht gar nicht die Verpackung ist.
Ja, auch Coaches werden älter.
Inzwischen habe ich meine Brille. Und kann die Etiketten wieder lesen.
Aber damit stellt sich gleich die nächste Frage:
Nur weil wir all diese Informationen lesen können, müssen wir das auch?
Wonach suchen wir eigentlich?
Auf Lebensmitteletiketten finden wir jede Menge Informationen.
Kalorien. Kohlenhydrate. Eiweiß. Fett. Zucker. Salz. Manchmal Ballaststoffe. Und natürlich die Zutatenliste.
Aber nur weil wir diese Zahlen kennen, wissen wir noch lange nicht, ob ein Lebensmittel für uns eine gute Wahl ist.
Das hängt davon ab, was wir eigentlich erreichen möchten.
Wenn wir uns einfach möglichst gesund und ausgewogen ernähren wollen, können uns einige grundlegende Prinzipien Orientierung geben:
- Vielfalt und Qualität. Reichlich Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und andere nährstoffreiche Lebensmittel.
- Ausgewogenheit. Nicht nur auf Kalorien schauen, sondern auch Ballaststoffe, Eiweiß und die Qualität der Fette berücksichtigen.
- Das große Ganze. Unsere Ernährung über Tage und Wochen ist wichtiger als ein einzelnes Lebensmittel oder eine einzelne Mahlzeit.
Dafür müssen wir nicht jede Verpackung im Supermarkt wissenschaftlich untersuchen.
Etikettenlesen ist keine weitere Ernährungsregel. Es ist ein Hilfsmittel. Und wie bei jedem Hilfsmittel kommt es darauf an, dass wir wissen, wofür wir es einsetzen möchten.
Geben wir den Ballaststoffen doch mal etwas Anerkennung
Ballaststoffe.
Mal ehrlich, wer hat sich eigentlich diesen Namen ausgedacht?
Ballast klingt nach etwas Schwerem, Überflüssigem. Nach etwas, das wir lieber loswerden möchten.
Im Englischen heißen sie fiber.
Das gefällt mir deutlich besser. Fasern. Struktur. Etwas Nützliches.
Und nützlich sind sie tatsächlich.
Ballaststoffe können unsere Verdauung unterstützen, zur Sättigung beitragen und je nach Art positive Auswirkungen auf Blutzucker- und Cholesterinwerte haben. Bestimmte Ballaststoffe dienen außerdem unseren nützlichen Darmbakterien als Nahrung.
Wir haben schon einmal über fiber maxing gesprochen. Einen dieser Ernährungstrends, bei denen aus einer sinnvollen Empfehlung schnell die nächste Optimierungsaufgabe wird.
Aber wir müssen nicht alles maximieren.
Manchmal reicht eine ganz praktische Frage:
Welches dieser beiden abgepackten Müslis enthält mehr Ballaststoffe?
Ein kurzer Blick auf die Nährwertangaben kann uns beim Vergleich helfen, sofern der Ballaststoffgehalt angegeben ist. Vielleicht fallen uns dabei auch Unterschiede beim Zuckergehalt auf.
Plötzlich hat das Etikettenlesen einen konkreten Zweck.
Nicht weil uns jemand gesagt hat, dass wir jede Zutat studieren müssen, sondern weil wir nach einer Information suchen, die für uns relevant ist.
Und was ist mit diesen bunten Bewertungen auf der Vorderseite?
Wer in Deutschland oder anderen europäischen Ländern einkauft, hat vermutlich schon den Nutri-Score gesehen.
Eine farbige Skala von A, dunkelgrün, bis E, orange-rot.
Das System fasst ausgewählte Eigenschaften der Nährwertzusammensetzung zusammen. Dazu gehören unter anderem Zucker, gesättigte Fettsäuren, Salz und Ballaststoffe.
Das kann hilfreich sein, wenn wir Lebensmittel vergleichen, die für uns einen ähnlichen Zweck erfüllen.
Aber ein A bedeutet nicht automatisch, dass ein Lebensmittel für jeden ideal ist. Und ein E bedeutet nicht, dass wir es niemals essen dürfen.
Ein A garantiert auch nicht, dass ein Produkt besonders wenig Zucker enthält. Wenn uns speziell der Zuckergehalt interessiert, müssen wir weiterhin auf die Nährwertangaben schauen.
Der Nutri-Score ist eine Orientierungshilfe, kein persönlicher Ernährungsplan.
In den USA finden wir auf verpackten Lebensmitteln normalerweise die sogenannte Nutrition-Facts-Tabelle. Dort werden die Nährwerte in der Regel pro Portion angegeben.
Und damit kommen wir zu einer weiteren interessanten Frage:
Wer hat eigentlich entschieden, wie groß meine Portion ist?
Die Portionsgrößen richten sich nach standardisierten Referenzmengen, die auf üblichen Verzehrmengen beruhen. Sie sind keine Empfehlung dafür, wie viel wir essen sollten.
Wenn ich die doppelte angegebene Portion esse, nehme ich in der Regel auch die doppelte Menge der aufgeführten Nährstoffe und Kalorien zu mir.
Eine hilfreiche Information, vorausgesetzt, ich achte darauf, auf welche Menge sich die Zahlen überhaupt beziehen.
Und dann gibt es ja noch die Apps
Natürlich können wir auch Apps nutzen, um Barcodes zu scannen, Nährwerte zu vergleichen oder Zutaten genauer anzusehen. Und immer häufiger fragen wir dafür auch eine KI.
Das kann praktisch sein.
Aber die Antworten hängen von den verwendeten Daten, den Bewertungskriterien und unseren Fragen ab.
Ein Scanner kann mir vielleicht sagen, wie viel Zucker ein Produkt enthält. Ob diese Menge zu meiner Gesundheit, meinen Zielen und meinem Alltag passt, kann er daraus nicht automatisch ableiten.
Technologie kann Informationen liefern. Um zu verstehen, was für uns wichtig ist, brauchen wir trotzdem den passenden Zusammenhang.
Moment mal. Was ist denn jetzt mit der Banane?
Stellen wir uns vor, wir stehen im Supermarkt und überlegen, ob wir eine Banane kaufen sollen.
Wir haben gehört, dass Kohlenhydrate wichtig sind. Irgendwo etwas über Blutzucker gelesen. Vielleicht hat uns eine App auch geraten, stärker auf Zucker zu achten.
Und plötzlich wird aus einer völlig gewöhnlichen Banane eine komplizierte Ernährungsentscheidung.
Hat die nicht zu viele Kohlenhydrate?
Meine Lieblingsantwort?
Es kommt darauf an.
Zu viele wofür? Für wen? Im Vergleich womit?
Eine Banane liefert Kohlenhydrate, ja. Aber auch Ballaststoffe und andere Nährstoffe.
Ob sie zu unseren Bedürfnissen passt, hängt von unserer gesamten Ernährung, unserer körperlichen Aktivität, unserer gesundheitlichen Situation und unseren persönlichen Zielen ab.
Das Problem ist nicht die Banane.
Das Problem entsteht, wenn wir eine einzelne Ernährungsinformation nehmen und daraus eine allgemeingültige Regel machen wollen.
Die richtige Brille macht den Unterschied
Inzwischen trage ich eine Brille, wenn ich diese winzigen Lebensmitteletiketten lesen möchte.
Aber ich glaube, beim Einkaufen brauchen wir noch eine andere Art von Brille.
Eine, die uns hilft, zwischen den Informationen zu unterscheiden, die verfügbar sind, und denen, die für uns tatsächlich relevant sind.
Manchmal hilft uns ein Etikett dabei, den Ballaststoffgehalt zweier Frühstückscerealien zu vergleichen, den Salzgehalt zu prüfen oder herauszufinden, was in einem Fertiggericht steckt.
Manchmal macht eine App das einfacher.
Und manchmal hilft ein Gespräch mit einer qualifizierten Fachperson, diese Informationen in den Zusammenhang mit unserem eigenen Leben zu bringen.
Aber keines dieser Hilfsmittel sollte unsere Ernährung komplizierter machen, als sie sein muss.
Gesunde Ernährung bedeutet nicht, jede Zahl auf jeder Verpackung zu kennen. Sondern genug zu verstehen, um Entscheidungen zu treffen, die zu uns passen.
Und wenn du im Supermarkt stehst und dich fragst, ob deine Banane zu viele Kohlenhydrate hat?
Vielleicht ist die erste Frage gar nicht, was auf dem Etikett steht.
Sondern was du eigentlich herausfinden möchtest.
Food for Thought. Structure for Change.
