Wenn gute Ratschläge für dich nicht funktionieren

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Wissenschaftlich fundiert. Aber passt es auch zu deinem Leben?

Die letzten warmen Herbsttage weichen langsam goldenem Laub und kühleren Morgenstunden.

Ich ertappe mich dabei, wie ich etwas länger bei einer heißen Tasse Tee verweile oder mir beim Spaziergang einen Moment mehr Zeit nehme, um die wechselnden Farben zu genießen.

Es ist die Zeit im Jahr, in der ich ganz von selbst anfange, zurückzublicken. Auf das, was passiert ist, was ich geschafft habe und was vielleicht noch vor mir liegt.

Und ich frage mich, wie unterschiedlich sich diese Jahreszeit für jeden von uns anfühlt.

Manche Menschen machen gerade erst ihren Sommerurlaub und genießen die Freiheit, außerhalb der Schulferien verreisen zu können. Andere sind längst bei den Herbstferien, den Halloween-Vorbereitungen oder den ersten Plänen für Erntedank angekommen.

Und ehe wir uns versehen, steht die nächste Feiertagssaison vor der Tür.

Es wird gefeiert, Zeit mit Familie und Freunden verbracht, gut gegessen, Termine werden koordiniert. Und vielleicht bleibt zwischendurch auch ein wenig Zeit zum Nachdenken.

Manche blicken zufrieden auf das Jahr zurück. Sie haben viel geschafft, Herausforderungen gemeistert und allen Grund, stolz auf sich zu sein.

Andere stellen fest, dass sie sich selbst irgendwo auf dem Weg ein wenig aus den Augen verloren haben.

Und dann gibt es diejenigen, die den Druck verspüren, vor dem Jahreswechsel unbedingt noch etwas erreichen zu müssen.

Vielleicht ist es jetzt wirklich an der Zeit, sich gesünder zu ernähren. Sich mehr zu bewegen. Endlich eine Morgenroutine zu etablieren. Oder etwas umzusetzen, das man sich schon seit Monaten vorgenommen hat.

Schließlich ist bis 2027 ja noch etwas Zeit.

Wer nach Antworten sucht, findet reichlich

Manchmal wissen wir ganz genau, was wir verändern möchten.

Oft ist das Gefühl aber viel weniger konkret. Irgendetwas stimmt nicht so richtig. Wir möchten uns besser fühlen, mehr Energie haben oder einfach besser für uns sorgen.

Wir wissen nicht unbedingt, wonach wir eigentlich suchen. Also stöbern wir, scrollen, schauen uns um und lassen uns von dem leiten, was unsere Aufmerksamkeit weckt.

Und an Vorschlägen mangelt es wahrlich nicht.

Eine neue 30-Tage-Challenge. Ein vielversprechendes 90-Tage-Programm. Eine App, mit der gesunde Gewohnheiten plötzlich erstaunlich einfach aussehen.

Und natürlich die Videos, die uns beim Scrollen begegnen.

Eine überzeugende Erklärung. Eine persönliche Erfolgsgeschichte. Ein paar wissenschaftliche Fachbegriffe. Vielleicht sogar ein Verweis auf eine Studie.

Und plötzlich denken wir:

Das klingt logisch. Vielleicht ist das genau das, was ich brauche.

Es ist nichts falsch daran, neugierig zu sein, Neues zu lernen oder etwas anderes auszuprobieren.

Aber eine wichtige Frage stellen wir uns dabei nicht immer:

Passt dieser Ratschlag überhaupt zu mir und meinem Leben?

Wenn der Ratschlag nicht funktioniert

Vielleicht hast du selbst schon einmal versucht, dich an eine bestimmte Regel zu halten.

Vielleicht hat es eine Zeit lang funktioniert. Vielleicht war es von Anfang an schwierig. Oder du hast dich genau daran gehalten und trotzdem nicht die erhofften Ergebnisse erzielt.

Was passiert dann?

Manchmal hinterfragen wir die Empfehlung.

Manchmal aber, und das beschäftigt mich viel mehr, beginnen wir, an uns selbst zu zweifeln.

Warum schaffe ich es nicht, mich daran zu halten?

Warum scheint das bei allen anderen zu funktionieren?

Bin ich einfach nicht diszipliniert genug?

Eine Empfehlung, die uns eigentlich helfen sollte, uns besser zu fühlen, kann so unbemerkt zu einem weiteren Grund werden, uns unzulänglich zu fühlen.

Und genau hier lohnt es sich meiner Meinung nach, genauer hinzuschauen.

Wissenschaftlich fundiert heißt nicht: eine Lösung für alle

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind wichtig. Sehr wichtig sogar.

Sie helfen uns, Zusammenhänge zu verstehen, Maßnahmen zu bewerten und informierte Entscheidungen zu treffen, statt uns allein auf Versprechen oder persönliche Erfahrungsberichte zu verlassen.

Aber bei der Formulierung wissenschaftlich fundiert lohnt sich ein genauerer Blick.

Was wurde tatsächlich untersucht? Wer hat an der Studie teilgenommen? Unter welchen Bedingungen? Welche Ergebnisse wurden gemessen? Und wie belastbar ist die Evidenz?

Nehmen wir die bekannte Regel: Nach 18 Uhr nichts mehr essen.

Als hätte unser Körper eine eingebaute Uhr, die um 18:05 Uhr verkündet: „Tut uns leid, wir haben für heute geschlossen. Alles, was jetzt noch reinkommt, wird direkt als Fett gespeichert.“

Natürlich funktioniert unser Stoffwechsel nicht so.

Wann wir essen, kann durchaus eine Rolle spielen. Aber genauso wichtig sind unsere individuellen Bedürfnisse, unser Tagesablauf und das Gesamtbild unserer Ernährung.

Selbst wenn wissenschaftliche Untersuchungen einen bestimmten Ansatz unterstützen, wissen wir damit noch nicht automatisch, wie gut er im Alltag eines einzelnen Menschen funktioniert.

Eine Empfehlung kann grundsätzlich sinnvoll sein und trotzdem schwer umzusetzen sein, nicht zu den Bedürfnissen eines Menschen passen oder schlicht nicht der richtige erste Schritt sein.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Wissenschaft falschliegt.

Und es bedeutet ganz sicher nicht, dass dieser Mensch versagt hat.

Es ist ein Unterschied, ob wir verstehen, was grundsätzlich funktionieren kann, oder herausfinden, was für einen bestimmten Menschen tatsächlich sinnvoll ist.

Hier beginnt meine Arbeit als Coach

Wenn mir ein Klient von einer Ernährungsregel erzählt, die er entdeckt hat, sage ich ihm nicht sofort, ob er sie befolgen sollte oder nicht.

Zuerst höre ich zu.

Natürlich interessiert mich die Regel selbst. Aber genauso interessiert mich, warum gerade diese Empfehlung seine Aufmerksamkeit geweckt hat.

Was möchte er damit erreichen?

Warum glaubt er, dass sie zu ihm passen könnte?

Hat er sie bereits ausprobiert? Und wenn ja, was ist dabei passiert?

Dann schauen wir gemeinsam genauer hin.

Wir untersuchen, woher die Empfehlung kommt, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich stützen und was wir realistischerweise davon erwarten können.

Aber wir betrachten auch mehr als nur die Empfehlung.

Denn mein Klient lebt nicht in einer wissenschaftlichen Studie.

Er lebt in der realen Welt, mit Beziehungen, Verpflichtungen, Gewohnheiten, Vorlieben und Herausforderungen.

Vielleicht gibt es einen Partner, Kinder, Freunde, Kollegen oder Mitbewohner, die eine Rolle spielen. Vielleicht kümmert er sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen. Vielleicht ändern sich seine Arbeitszeiten jede Woche.

Und irgendwo in diesem Bild stehen auch seine eigenen Bedürfnisse, Ziele und sein allgemeines Wohlbefinden.

All diese Puzzleteile sind wichtig.

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, zuzuhören, zu beobachten, Fragen zu stellen und diese Puzzleteile so lange hin und her zu bewegen, bis wir das größere Bild verstehen.

Nicht, um sie mit aller Macht in eine vorgefertigte Lösung zu pressen.

Und schon gar nicht nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Erst dann beginnen wir, gemeinsam mögliche Lösungen zu entwickeln.

Wir überlegen, was hilfreich sein könnte, probieren Dinge aus, beobachten, was passiert, und passen sie bei Bedarf an.

Dabei fragen wir uns immer wieder:

Ist das für diesen Menschen, in dieser Situation, zu diesem Zeitpunkt sinnvoll?

Nicht nur für die nächsten Tage, sondern möglichst auch mittel- und langfristig.

Eine bessere Frage

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, wird es nicht an Ratschlägen mangeln, was wir noch alles erreichen, verbessern oder verändern sollten.

Manches davon wird hilfreich sein. Manches wird sogar durch gute wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt.

Aber bevor du deinem Leben eine weitere Regel hinzufügst, lohnt es sich vielleicht, erst einmal zu fragen, warum dich gerade diese Regel anspricht.

Was möchtest du eigentlich verändern?

Und ist dieser Ansatz wirklich sinnvoll für dich?

Denn wenn ein guter Ratschlag nicht wie erwartet funktioniert, liegt die Antwort nicht immer darin, sich noch mehr anzustrengen.

Manchmal hilft es, genauer hinzuschauen.

Food for Thought. Structure for Change.