Es begann auf einer Feier.
Nicht mit einem Beratungsgespräch, einem Fragebogen oder einem sorgfältig formulierten Ziel. Einfach in einem Gespräch und irgendwann mit einem Satz, den ich in unterschiedlichen Varianten schon öfter gehört habe:
Ich weiß gar nicht mehr so richtig, was ich noch alles machen soll.
Er fühlte sich nicht wohl. Er wollte etwas verändern. Er hatte schon einiges ausprobiert. Manches hatte kurzfristig funktioniert, anderes nicht.
Aber wir waren auf einer Feier. Also ließen wir es für den Moment dabei.
Lass uns den Abend genießen. Wir telefonieren.
Und das taten wir.
In unseren ersten Gesprächen sprachen wir über sehr viel mehr als nur Essen. Was hatte er schon alles ausprobiert? Was hatte funktioniert? Was nicht? Was verlangte das Leben gerade von ihm? Wo lagen die eigentlichen Blockaden?
Ich gab ihm eine kleine Hausaufgabe. Erst einmal etwas genauer hinschauen und dokumentieren, wie sein Alltag im Moment tatsächlich aussah.
Nicht bewerten. Nicht sofort alles verändern.
Wir brauchten einen Anhaltspunkt. Einen Startpunkt.
Am Anfang brauchte es durchaus etwas Händchenhalten.
Wir wiederholten und sortierten einige grundlegende Prinzipien gesunder Ernährung. Wir schauten auf Informationen und Gewohnheiten. Es gab viele Fragen und auch einiges an Rückversicherung.
Und da war noch etwas anderes, das wichtig war:
Du musst dich dafür nicht schämen.
Denn etwas zu verändern, mit dem man schon lange kämpft, braucht Mut. Besonders dann, wenn die Antwort nicht noch eine weitere Liste mit Dingen ist, die man ab jetzt nicht mehr essen darf.
In seinem Fall ging es fast um das Gegenteil: wieder darauf zu vertrauen, dass es nicht immer darum gehen muss, etwas wegzulassen. Dass manchmal von dem, was ihn gut versorgt, auch einfach mehr sein darf.
Und er legte los.
Das bequeme Süßstück am späten Vormittag wurde gegen etwas Frisches eingetauscht. Er begann, in der Küche zu experimentieren. Er lernte, Labels anders zu lesen. Auch das Einkaufen veränderte sich.
Irgendwann kamen Fotos auf meinem Handy an.
Ein Einkaufswagen mit frischen Zutaten.
Ein selbst geschnippelter Salat.
Eine Nachricht über einen Dip, der gerade einen seiner Go-to-Snacks verändert hatte.
Nicht, weil ich um einen Beweis gebeten hatte.
Eher so:
Hey, schau mal.
Und auch unsere Gespräche begannen sich zu verändern.
Wir verbrachten immer weniger Zeit damit, darüber zu sprechen, was er machen sollte. Stattdessen sprachen wir darüber, was inzwischen richtig gut funktionierte.
Welches kleine Küchenexperiment überraschend gut geschmeckt hatte und auf Repeat ging.
Und welches eher ein völlig akzeptables hmm, nice, but not me ausgelöst hatte.
Wie einfach es plötzlich sein konnte, beim BBQ ein Bier angeboten zu bekommen und ganz selbstverständlich nach einem alkoholfreien Bier oder einer Schorle zu fragen.
Keine große Erklärung. Keine Rechtfertigung.
Einfach eine Entscheidung.
Beim Einkaufen entwickelte er ein Auge dafür, wo ihm eigentlich eine gut vermarktete Mogelpackung angeboten wurde. Er schaute darauf, was wirklich drin war. Fragte sich, ob es etwas weniger stark Verarbeitetes gab, das besser zu ihm und dem passte, was er erreichen wollte.
Er brauchte mich nicht mehr bei jeder Entscheidung, um ihm zu sagen, was die „richtige“ war. Er lernte, diese Entscheidungen selbst zu treffen.
Es gab weniger Was soll ich machen? und mehr Schau mal, was ich ausprobiert habe.
Auch bei der Bewegung veränderte sich etwas.
Am Anfang klang es eher nach:
Ja, ich weiß. Ich sollte. Ich müsste mich wirklich mehr bewegen.
Und irgendwann klang es eher nach:
Hey, schau mal, ich war eine große Runde radeln.
Irgendwo auf dem Weg war Bewegung nicht mehr nur ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, die man eigentlich tun sollte. Die Freude daran kam zurück.
Und an eine weitere kleine Verschiebung erinnere ich mich besonders gut.
Am Anfang:
Hm. Bisher hat es noch keiner bemerkt.
Später:
Ich sehe es selbst. Und andere auch.
Dieser Unterschied bedeutet mir viel.
Wir sprachen auch über Zeit.
Was möchtest du erreichen? Und bis wann?
Sechs Monate können plötzlich unglaublich wichtig erscheinen, wenn man unbedingt etwas verändern möchte.
Aber wir drehten die Frage irgendwann um.
Wie lange hatte sein Körper eigentlich schon nach Aufmerksamkeit gefragt? Wie lange hatte er sich bereits verändert und signalisiert, dass etwas so nicht gut für ihn funktionierte, bevor die Entscheidung fiel, etwas anders zu machen?
Warum sollte etwas, das sich über Jahre entwickelt hat, in sechs Monaten „repariert“ sein müssen?
Nach und nach wurde aus „Das muss ich in sechs Monaten geschafft“ haben eher:
Ich möchte dauerhaft wieder gesünder, fitter und aktiver mit meiner Familie sein. Und wenn ich in sechs Monaten ein paar gute Schritte in diese Richtung geschafft habe, bin ich immer noch weiter, als wenn ich genau dort sitzen geblieben wäre, wo ich angefangen habe.
Das ist vielleicht eine meiner liebsten Veränderungen aus unserer gemeinsamen Zeit.
Weil sich damit auch verändert hat, was Erfolg eigentlich bedeutet.
Und vielleicht sieht nachhaltige Veränderung genau so aus.
Nicht wie eine Ziellinie. Nicht wie sechs perfekte Monate. Nicht wie nie wieder das Süßstück essen.
Manchmal sieht sie erstaunlich alltäglich aus.
Ein anderer Einkaufswagen.
Ein selbst geschnippelter Salat.
Eine Fahrradrunde, auf die man tatsächlich Lust hatte.
Essen gehen, ohne danach zu denken: Jetzt ist sowieso alles egal. Morgen muss ich wieder von vorne anfangen.
Eingeladen sein und Essen wieder Teil einer schönen sozialen Interaktion sein lassen.
Etwas ausprobieren und feststellen: nice, but not me.
Etwas anderes ausprobieren und denken: Das bleibt.
Wir sind inzwischen seit über einem Jahr im Austausch.
Es bewegt sich noch immer alles in die Richtung, in die er gehen wollte. Und manches, was anfangs noch bewusste Aufmerksamkeit gebraucht hat, ist inzwischen einfach Teil seines Alltags geworden.
Nicht, weil jede Entscheidung perfekt war.
Sondern weil sich unterwegs irgendwann die Fragen verändert haben.
Aus Was soll ich machen? wurde Schau mal, was ich ausprobiert habe.
Aus Ich sollte. wurde Ich habe.
Aus Hat es schon jemand bemerkt? wurde Ich sehe es selbst.
Und aus dem Händchenhalten vom Anfang wurde irgendwann etwas, das mindestens genauso viel Freude macht: Applaus.
Food for Thought. Structure for Change.
